Adventskalender, Adventssprüche für jeden Tag

Weihnachtsspaziergang

Besinnliches Weihnachtsgedicht und andere Gedichte zur Weihnachtszeit von dem deutschen Schriftsteller und Dichter Otto Ernst, der Ende des 19. Anfang 20. Jh. lebte, sowie Bücher- und Geschenk-Tipps.

Weihnachtsspaziergang

Täglich fast aus meines Dorfes Frieden,
Wo ich zwischen Feld und Büschen wohne,
Wo ich sieben Nachtigallen höre,
Wo mich Fink und Amsel lang schon kennen
Und mich keck beäugen, wenn ich nahe,
Wo die Welt im Sommer eine Laube
Und ein silberweisser Dom im Winter,
Wo vom Schreibtisch ich den Habicht schweben
Sehe duch des Himmels grosse Stille –

Täglich fast aus meines Dorfes Frieden,
Wo ich Ruhe, Traum und Klarheit atme,
Lenk’ ich meinen Schritt zur nahen Weltstadt,
Um zu fühlen, was ich sonst vergässe,
Dass die Welt nicht Klarheit, Traum und Frieden,
Nicht ein heimlich Wohnen zwischen Hecken,
Ach, kein Spiel mit Fink und Drossel ist.

In das weite, wilde Meer der Menschen
Tauch’ ich unter dann und lass mich treiben.
Ja, sie sind wie windverstörte Wellen;
Eine will die and’re überrennen,
Und am letzten Strand zerschäumen alle.
Wie sie jagen, stossen, knirschen – wie sie
Not und Habsucht durcheinander wirbelt!
Nur geradeaus den Blick gerichtet,
Drängen sie und trappeln sie und traben,
Sehen nicht das stille Leben fluten,
Sehn nicht, wie es stumm zu beiden Seiten
Fliesst und fliesst ins grosse Meer der Stille,
Ewig ungelebt und ungenossen.

Ach, sie leben nicht – nur, um zu leben!
Vorwärts, vorwärts nur den Blick gerichtet,
Treibt es sie die schattenlose Strasse
Fort, hinweg vom Schoss der grossen Mutter.
Und versunken in des wilden Meeres
Tote Tiefen ist die alte Kunde,
Dass ein Glück sich dehnt in leichten Lüften,
Friede wandert zwischen Halm und Hecken,
Dass ein off’nes, frohes Menschenauge
Wie ein See des Paradieses glänzt.

Einmal nur im Jahre find’ ich’s anders!
Brach herein der Weihnacht heil’ge Frühe,
Nehm ich Hut und Stock und wand’re fröhlich
In die grosse Stadt. So tat ich heute.
Drängen, Treiben seh’ ich heut’ wie immer,
Seh’ ein wogend Meer wie alle Tage;
Aber auf den Fluten dieses Meeres
Ruht wie Sonnenschein ein einzig Lächeln.
Und – o frommes Wunder ohnegleichen,
Selbst der Kaufherr, dessen Furcht und Hoffnung
Sonst um Indiens Silberminen kreisen,
Heimgefunden hat er in den Frieden
Einer höheren und stiller’n Welt.

Lächeln seh’ ich in entspannten Mienen
Und wo Lächeln nicht, doch einen Glauben
An das Lächeln. Starre Blicke seh’ ich
Wohl wie sonst, allein sie starren glänzend
In ein Licht, das sie allein erschauen.
Welches Glaubens sie und welches Sinnes,
Einmal wieder haben sie’s vernommen,
Einmal glauben sie die frohe Botschaft,
Dass ein Glück mag kommen aus den Lüften,
Dass ein Friede wohnt in grünen Tannen,
Dass ein liebend Wang’-an-Wange-Schmiegen
Alle Not beschämt und alles Prangen,
Dass ein off’nes, frohes Menschenauge
Wie ein See des Paradieses glänzt.

Von versunk’nen Städten singt die Sage,
Deren Glocken aus der Tiefe klingen.
Geh’ ich weihnachts durch den Schwall der Strassen,
Dringt durch allen Lärm ein stetes Klingen:
Leise aus verlor’nen Gründen hör’ ich
Läuten die versunk’ne Stadt des Glücks.

(Otto Ernst, 1862-1926, deutscher Dichter und Schriftsteller)



Mehr Weihnachtsgedichte von Otto Ernst

Erwartung der Weihnacht

Noch eine Nacht - und aus den Lüften
Herniederströmt das goldne Licht
Der wundersamen Weihnachtsfreude,
Verklärend jedes Ungesicht.
Und wieder klingt die alte Sage:
Wie einst die Lieb' geboren ward,
Die unbegrenzte Menschenliebe
In einem Kindlein hold und zart.

Nun zieht ein süss erschauernd Ahnen
Durch Höhn und Tiefen, Flur und Feld.
Nun deckt geheimnisvoll ein Schleier
Des trauten Heimes kleine Welt.
Dahinter strahlt's und lacht's und flimmert's
Und ist der süssen Rätsel voll,
Durch alle Räume weht ein Odem
Der Freunde, die da kommen soll.

Und draussen nicken Bäum' und Büsche
So leis' winterklarer Luft:
Die Kunde kommt, dass neues Leben
Sich wieder regt in tiefer Gruft.
Es knarrt die Eiche vor dem Fenster,
Sie träumt von langer Zeiten Lauf;
Da steigt wohl auch ein froh' Erinnern
In ihre Krone still hinauf.

O weilt, ihr jugendschönen Stunden,
Verweile du, der Hoffnung Glück!
Vermöcht' ich's nur: mit allen Kräften
Der Seele hielt' ich dich zurück.
Ihr süssen Träume es Erwartens,
Der Wunder und Gedicht voll,
Ihr seid noch schöner als der Jubel,
die Freude, die da kommen soll.

(Otto Ernst, 1862-1926, deutscher Dichter und Schriftsteller)

Heiliger Morgen

Von den Tannen träufelt Märchenduft;
Leise Weihnachtsglocken sind erklungen –
Blinkend fährt mein Hammer durch die Luft;
Denn ein Spielzeug zimmr' ich meinem Jungen.

Graue Wolken kämpfen fernen Kampf;
Blau darüber strahlt ein harter Himmel.
Durch die Nüstern stösst den weissen Dampf
Vor der Tür des Nachbars breiter Schimmel.

Kommt Herr Doktor Schlapprian daher,
Zigaretten- und Absinthvertilger!
Voll erhab' nen Hohns lächelt er,
Hirn- und lendenlahmer Abwärtspilger.

Spöttisch grüssend schlendert er dahin
Und – verachtet mich, den blöden Gimpel,
Der gefügig spannt den dumpfen Sinn
In die Enge, ein "Familiensimpel". –

Rote Sonne überm Schneegefild:
Und das weite Feld ein Sterngewimmel!
Und ins Auge spann ich euer Bild,
Wundererde – unerforschter Himmel.

Und den frischen, kalten, klaren Tag
Saug' ich ein mit gierig starken Lungen –
Pfeifend trifft mein Hammer Schlag um Schlag,
Und ein Spielzeug zimmr' ich meinem Jungen.

(Otto Ernst, 1862-1926, deutscher Dichter und Schriftsteller)

Wintermärchen

Auf dem Baum vor meinem Fenster
Saß im rauhen Winterhauch
Eine Drossel, und ich fragte:
"Warum wanderst du nicht auch?
 
Warum bleibst du, wenn die Stürme
Brausen über Flur und Feld,
da dir winkt im fernen Süden
Eine sonnenschöne Welt?"
 
Anwort gab sie leisen Tones:
"Weil ich nicht wie andre bin,
die mit Zeiten und Geschicken
Wechseln ihren leichten Sinn.
 
Die da wandern nach der Sonne
Ruhelos von Land zu Land,
Haben nie das stille Leuchten
In der eignen Brust gekannt.
 
Mir erglüht´s mit ew´gem Strahle
- Ob auch Nacht auf Erden zieht -
sing´ich unter Flockenschauern
Einsam ein erträumtes Lied.
 
Wundersamer Trost der Schmerzen!
Doch nur jene kennen ihn,
Die in Nacht und Sturm beharren
Und vor keinem Winter fliehn.
 
Dir auch leuchtet hell das Auge;
Deine Wange zwar ist bleich;
Doch es schaut der Blick nach innen
In das ew´ge Sonnenreich.
 
Laß uns hier gemeinsam wohnen,
Und ein Lied von Zeit zu Zeit
Singen wir von dürrem Aste
Jenem Glanz der Ewigkeit."

(Otto Ernst, 1862-1926, deutscher Dichter und Schriftsteller)

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